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tcct

Das belgische Architekturbüro tcct um seine Gründer Tom Callebaut und Cindy Tirry, ist für seine besondere Expertise bei der Neu- und Umgestaltung von Kirchenräumen bekannt. Gesellschaftlicher Wandel drängt dazu bestehende Räume auf neue Bedürfnisse zu überprüfen, wenn ihre ursprüngliche Nutzung nicht mehr dem Zeitgeist folgen kann. Fingerspitzengefühl steht gerade bei der Entwidmung von kirchlichen Gebäuden an erster Stelle, da ein Widerspruch von Vergangenheit und Zukunft tief in das ethische Verständnis dieser Räume schneidet. In Zeiten von Kirchenschließungen und Gemeindefusionen sind neue Visionen für sakrale Gebäude immer öfters an sehr weltliche Zwecke geknüpft: Das Restaurant GlückundSeligkeit in Bielefeld, die Kunsthalle Dominikanerkirche in Osnabrück, die Kletterkirche in Mönchengladbach oder das Wohnloft Residential Church XL in Utrecht. In keiner dieser Kirchen werden Messen gehalten, aber sie alle entgehen dem Abriss und Verfall und tragen ein Stück ihrer Geschichte weiter. Breitere Akzeptanz findet die Doppelnutzung in Form von Kulturkirchen, selten gehen diese jedoch mit architektonischen Veränderungen einher.

Tom Callebaut und Cindy Tirry beschäftigen sich seit über einem Jahrzehnt mit der Fragestellung was einen heiligen Raum ausmacht. Ihre Modernisierungsprozesse radieren den spirituellen Charakter der Räume nicht aus, sondern übertragen ihn in eine entsprechend offenere und universellere Form. Die 2011 fertiggestellte Kapelle des belgischen Schulnetzwerks VLP in Groot-Bijgaarden ist ein bestechend ästhetisches Raum-in-Raum-Konzept. Die Idee des Miteinanders, der Ruhe und Zufriedenheit sollten sich als Grundfesten der Schule im Raum spiegeln. Entstanden ist ein freundlicher heller Raum, der durch den Boden aus Sand die Schritte der Besucher dämpft und zum Verweilen und Nachdenken einlädt. Feine rote Linien durchziehen wie ein Raster den rechteckigen weißen Raum. An den Schnittpunkten bilden sie Kreuze, die neben der eindeutigen Kirchensymbolik erst auf den zweiten Blick ihre weitere Funktion als Griffe verraten. Jede Wand unterteilt sich in viele einzelne Türen. Öffnet man sie, zeigt sich der ursprüngliche Kirchenraum in seiner vollen Geschichte – mit dem zentralen Blick auf die Apsis, seinen sakralen Wandbildern und Glasfenstern. Der weiße Raum klammert dagegen bewusst eine zentrale Anlaufstelle aus. Er bleibt ein Gefäß, das sich flexibel mit Bedeutung füllen lässt, je nach dem was seine temporären Bewohner im Genuss der Stille, beim Lesen oder Gedankenaustausch erleben.

All images © Luc Roymans

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