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Interview | Facebook Faces

Facebook is a social utility. Steht unmissverständlich auf der Hauptseite von Facebook selbst und wissen wir als frequent Users auch. Mittlerweile haben wir uns das eingestanden, obwohl die meisten von uns es mit der FB-Abstinenz schon ernsthaft probiert haben. Und dann? Gab mäßiger Erfolg dem Hauptclaim auf der Frontpage wieder Recht. Irgendwann gaben wir uns geschlagen. Von der Queen der Social Networks.

Dass das soziale Netzwerk unlängst zu einer unverzichtbaren Alltagsangelegenheit geworden ist, wissen auch Jonathan Pirnay und Jörn Röder. Die beiden Kunststudenten der Klasse Neue Medien der KH Kassel haben verstanden, dass Facebook als interaktiver Kommunikationskanal nicht nur funktionale Bedeutung hat. In der Tat bietet es identitätsstiftenden Raum, den wir nach Belieben füllen können. Dabei kann es schnell vorkommen, dass Beliebigkeit zur Willkür wird, wir vorschnell Teile unserer Identität preisgeben. Klar sind wir noch Herren unserer individuellen Informationspolitik. Nur hat sich offensichtlich der Maßstab über das, was wir diesbezüglich als Normalität empfinden, verschoben. Jeder, der ein Facebook-Profil besitzt, teilt zumindest sein Profilfoto mit den übrigen 800 Millionen Usern. Das war früher anders. Da hatte man vielleicht ein vorzeigbares Familienfoto im schicken Goldrahmen über dem Eichenküchentisch hängen. Und obwohl das vielleicht ganz hübsch aussah, konnten das dann trotzdem nur die Leute sehen, die nachmittags zum Kaffee in die gute Stube eingeladen wurden. Wir stellen also fest: Hier tut sich einiges.

Vor allem geändert hat sich der Raum, in dem wir unsere Informationen teilen. Igendwann hat er sich von einer greifbaren Realität in eine Meta-Realität verwandelt, die definitiv anders zugänglich, paradoxerweise vielleicht sogar leichter zugänglich ist als der öffentliche, fassbare Raum. Wir können also durchaus eingestehen, dass Facebook es geschafft hat, die Begrifflichkeit und auch die Realität von Öffentlichkeit um mindestens eine Dimension zu erweitern. Nebenbei hat Facebook es fast mühelos hinbekommen, essentieller Part des grenzen-, häufig aber auch inhaltslosen Inputs zu werden, der tagtäglich auf uns einstürzt.

Was Neil Postman in den Achtzigern als 'Infotainment' beschrieb, ist heute mehr Realität denn je. Und – schlimmer noch: Sinnentleerte Informationen münden zu allem Überfluss immer stärker im globalen information overload. Das alles findet sich heute sowohl in Realität, als auch in der Meta-Realität von Facebook. Mitsamt des inhaltlichen Teilvakuums ist Informationsflut also omnipräsent.

Jonathan und Jörn haben das breite Thema der Informationsflut im Rahmen ihres 'Facebook Faces'-Projekts künstlerisch umgesetzt und der abstrakten Thematik eine interessante räumliche Konnotation gegeben. Ziemlich geschickt haben sie so die Ebene des Meta-Raums mit der des tatsächlichen Raums verknüpft. Resultat dieser Symbiose ist eine Tapete, die aus unzähligen Facebook-Profilbildern besteht. Vor allem, wenn man die Hintergrundgedanken zu dem Projekt kennt, hält man es im Endeffekt für eine extrem clevere Idee. Denn die Tapete ist hier eigentlich viel mehr als eine Tapete. In diesem Projekt hat sie ähnlich wie Facebook nicht nur funktionale Bedeutung. Warum das so ist, erklären Jörn und Jonathan uns nun selbst.

Bitte klärt uns doch mal kurz auf: Was haben soziale Netzwerke a la Facebook mit Tapeten zu tun? Wie seid ihr auf diese Assoziation gekommen?
Jonathan: Eine Tapete ist in einem Wohnraum allgegenwärtig. Sie umgibt uns Tag und Nacht und irgendwann kommt der Punkt, an dem man ihre Anwesenheit eigentlich nicht mehr wahrnimmt. Genauso verhält es sich mit Informationen. Tagtäglich werden wir mit einer riesigen Informations- und Bildermenge überflutet, so dass man den Großteil und sogar die Anwesenheit der Informationen gar nicht mehr wahrnimmt. Gar nicht mehr wahrnehmen kann. Nur durch gezieltes Selektieren kann ein Teil davon aufgenommen werden. Das war die Grundidee unseres Projekts. Die 'Informationsflut' ist in diesem Falle die Masse an Facebook-Profilbildern. Durch das Tapezieren haben wir im Prinzip einen kompletten Raum zu einer Bildüberflutung gemacht. Wenn man in der Mitte steht, verwischt alles zu einem großen Farb-/Pixelhaufen, nur wenn man näher an die Wand geht und sich einen kleinen Teil aussucht, kann man auf Details eingehen, einzelne Gesichter wiedererkennen. Dadurch verschwindet aber der Rest aus dem Sichtbereich, wird wieder zur 'Informationswolke'.

Jörn: Eine Tapete ist auch Dekoration, man kaschiert, man holt sich vielleicht auch eine Strandlandschaft oder Berge ins Haus. Dabei schafft sie vor allem eins: Eine Illusion. Wir gehen einfach mal so weit und ziehen da eine Parallele zu den Profilbildern. Denn die dienen ja auch erstmal der Selbstdarstellung und sollen bestimmte Assoziationen hervorrufen. Und ein weiterer Aspekt, der uns bei der Facebook-Tapete interessiert hat, beruht auf dem Aspekt der Unendlichkeit. Die 'klassische' Tapete funktioniert ja erstmal nur durch ihre ständige Wiederholung. Auf unserer Tapete sind etwa 100.000 Profilbilder zu sehen, jedes ist 3cm breit, keines kommt doppelt vor. 100.000 Bilder in der Größe reichen etwa für 80 Quadratmeter, Facebook zählt derzeit etwa 700 Millionen Nutzer, Zahl steigend. So ein großer Raum existiert erstmal nicht. Cool wäre ja auch ein Drucker, der nach jeder Neuanmeldung gleich das Profilbild auf die Tapete druckt...

Wie ist die Gesamtidee zu dem Projekt entstanden? War das eure erste künstlerische Auseinandersetzung mit solch einer Thematik?
Jonathan: Mit Facebook selber, ja. Ansonsten haben Jörn und ich bei ein paar anderen Sachen schon zusammengearbeitet. (Anm.: siehe auch: http://rundgang-kassel.de/katalog/1305376508514/)

Im Kontext eures FB-Faces Projekts habt ihr einen sogenannten 'Crawler' konstruiert. Wie genau muss man sich das vorstellen? Wie funktioniert die Systematik dahinter? Jonathan: Es gibt bei Facebook ja diese sogenannten 'öffentlichen Profile'. Das ist quasi wie eine Vorschau für das gesamte Profil, vor allem sind die auch einsehbar, wenn man selber nicht bei Facebook angemeldet ist und man z.B. bei Google eine Person sucht. Dort werden einem grundlegende Informationen präsentiert, je nach Einstellungen auf seiner 'Privatsphäre'-Page, z.B. Name, Profilbild eben und eine Auswahl von acht Freunden. Das Markup dieser Seiten ist logischerweise immer gleich aufgebaut, also haben wir ein Skript programmiert, das man sich wie eine Spinne vorstellen kann, die sich immer weiterhangelt. Das Skript fängt bei einem Profil an, speichert sich dort Profilbild, Name und Facebook-ID und geht dann auf die acht Freunde. Bei denen wird das gleiche gemacht: Bild, Name, ID speichern und über die Freunde weiter...und so fliegen immer mehr Bilder rein.. Mittlerweile sind die öffentlichen Profile anders aufgebaut und anstatt von Freunden sieht man nur noch Leute mit einem ähnlichen Namen.

Mit eurem Projekt nehmt ihr thematisch Bezug auf die Veröffentlichung von privaten Informationen im Internet. Warum glaubt ihr, stellen wir unsere Daten mehr oder weniger freiwillig zur Verfügung?
Jörn: Das Internet als freies Informationsmedium funktioniert nur soweit, wie die Interessen von beiden Parteien gewahrt werden. Der User möchte für ihn relevante Informationen bekommen, Firmen haben meist finanzielle Interessen. Die Frage ist, warum wir für Informationen nicht Geld oder Zeit bezahlen, wie wenn wir z.B. zur Bibliothek oder in einen Buchladen gehen. Bei Diensten wie Google oder Facebook bezahlen wir mit unserer Privatsphäre, mit Informationen über uns selber. Payback ist doch das gleiche Prinzip. Punkte sammeln, Geld sparen, aber preisgeben, was man gekauft hat und was man gerne mag. Es muss immer einen Mehrwert für beide Parteien geben, das ist nicht nur im Netz so, sondern ein simpler, alter Tauschprozess. Das interessante dabei ist die Verdrehung der Informationen, um sie für einen völlig anderen Zweck weiterzuverwenden.

Jonathan: Und natürlich die Undurchsichtigkeit, für was die Informationen gebraucht werden...

Hat sich unsere Einstellung diesbezueglich in den vergangenen Jahren veraendert? Sind wir vielleicht leichtsinniger geworden? Hat sich der Massstab desjenigen verschoben, das wir in Hinblick auf die Bereitstellung von privaten Daten als normal empfinden?
Jörn: Ja, ich denke es ist normaler geworden, private Daten preiszugeben.

Jonathan: Auf der einen Seite ja, und jedem ist ja irgendwie bewusst, dass manche Dienste nur durch diese Bereitstellung aufrechterhalten und verbessert werden können. Zur Leichtsinnigkeit: Damit sich so ein System durchsetzen kann, bedarf es aber in allererster Linie eines: Das Vertrauen der User. Dass Google eine unglaubliche Datenkrake ist, ist jedem bewusst, der sich eine Minute Gedanken darüber macht, dennoch gehört Google zu den am meisten vertrautesten Marken der Welt. Auf dieses Vertrauen bauen solche Konzerne und sind sich dessen als einer der Gründe für ihren Erfolg durchaus bewusst. Google hat dieses Vertrauensprinzip immer hochgehalten, Facebook musste es (teilweise) schmerzhaft lernen. Aber auch das ist natürlich nicht in Stein gemeißelt und die Grenzen werden ja auch immer weiter gepusht.

Sind wir uns eigentlich darüber bewusst, dass Informationen teilen auch Preisgabe von Autonomie bedeuten kann? Was sollte die logische Konsequenz aus dieser Erkenntnis sein? Für uns persönlich und unseren Umgang mit sozialen Netzwerken?
Jörn: Man befindet sich auf einem schmalen Grat von gemeinsamen Wissen, Bildung und Entwicklung. Dies kann, je nachdem, wie es verwendet wird, gut und/oder schlecht für eine (in Ländergrenzen denkende) Gesellschaft sein. Einfaches Beispiel: Spionage. Ich denke jedoch, dass der Austausch von Informationen zunächst positiver Natur ist und nicht nur diskutiert werden sollte, wer was preisgibt, sondern auch was mit den Informationen, die die Unternehmen mit und von ihren Usern sammeln, passiert. Wie gesagt, nicht nur die Nutzer verwenden die Plattformen um ihren Nutzen daraus zu ziehen, auch die Plattformen werden nicht nur aus Nächstenliebe betrieben.

Jonathan: Ich sehe das genauso. Informationsaustausch ist für mich erstmal eine der besten und schönsten Dinge, die die Menschheit zu bieten hat. Unsere komplette Gesellschaft und all unsere technologischen, geistigen, sozialen, künstlerischen, etc. Errungenschaften stützen sich darauf, dass der eine etwas sagt, was der andere nicht weiß. Auch Firmen wie Facebook, Google oder Amazon sind in erster Linie aus ideologischen Beweggründen entstanden. Um die Welt offener für uns zu gestalten, um schneller und gezielter an Informationen zu gelangen, sei es jetzt Merkels Geburtsdatum, Meinungen über ein Produkt oder was für ein Lied das Mädchen, auf das ich stehe, gerade gut findet. Und unsere Daten, die wir bei einem Besuch dalassen, müssen gesammelt und ausgewertet werden, um eben diese Services zuverlässiger, schneller und genauer zu machen. Nur, wie es eben so häufig ist, sobald (hohe) finanzielle Interessen ins Spiel kommen und das Unternehmen vielleicht sogar noch an die Börse geht – spätestens dann gilt es aufzuhorchen und etwas wachsamer zu sein.

Der Medienkritiker Neil Postman sprach schon in den Achziger Jahren von einer Art 'Pseudo Realität', die durch die 'sinnlose Informationsflut' des Fernsehers konstruiert werde. Was damals möglicherweise ein wenig überdramatisiert wirkte, hat mit sozialen Netzwerken wie Facebook nun in der Tat eine gänzlich neue Dimension erreicht. Findet ihr, dass man überhaupt noch eine Analogie zwischen der Realität und der Facebook Welt ziehen kann?
Jonathan: So gespielt und aufgesetzt Facebook manchmal wirken mag: Kann man. Es gibt nur eine Realität...

Warum verwischt die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem so sehr? Kann man heute überhaupt noch von einer Privatsphäre sprechen oder ist sie mittlerweile obsolet geworden?
Jörn: Natürlich kann man noch von Privatsphäre sprechen. Es werden ja nicht alle Informationen veröffentlicht, sondern nur, was für die jeweilige Person bzw. das Unternehmen von Interesse ist. DER SPIEGEL-online würde niemals posten, dass die Redaktion gerade kacken war. Privatpersonen würden das tun... Facebook ist doch auch nur eine Art von Business. Firmen nutzen es, um auf sich aufmerksam zu machen, Personen tun genau dasselbe. Interessanter ist, wer weiter, nicht lauter schreit.

Welche Konsequenzen hat der Siegeszug von sozialen Netzwerken für unsere Identität?
Jonathan: Ich weiß es nicht. Ich finde, hier geht es aber auch nicht nur um soziale Netzwerke. Facebook platziert mittlerweile gezielt Werbung, Google ist das größte Werbeunternehmen der Welt, Amazon schlägt dir vor, was du kaufen sollst. Und ich nenne da erstmal nur die größten drei. Jörn und ich programmieren ja selber, aber ich halte es für höchst bedenklich und problematisch, zu versuchen, einen Menschen aufgrund von einer Auswahl an Daten in einen Algorithmus zu packen und danach abzuschätzen. So funktioniert die Welt einfach nicht.

Jörn: Schwache Identitäten werden aufgeweicht, von der Werbung vereinheitlicht. Das ist ein neues, tieferes Eingreifen in die Persönlichkeit, das die Dimensionen des Fernsehens sprengt. Es ist auch eine perfidere Werbetaktik, die mit 'Guerilla'-Advertisement bei Youtube vor einigen Jahren begann und nun mit ganze fake-Gemeinschaften bei Facebook weitergeht. Manchmal werden nette Berichte über Produkte gepostet und alle sind doch eh nur nette Freunde.

Habt ihr persönlich Konsequenzen aus den Erfahrungen mit dem Projekt gezogen? Hat es euren eigenen Umgang mit Informationen beeinflusst?
Jörn: Etwas mehr Vorsicht vielleicht.

Jonathan: Eigentlich nicht mehr als eh schon. Ansonsten schaut man natürlich, wo man noch so einfach Daten sammeln kann. Das nächste Projekt geht gerade auch in diese Richtung...

Seid ihr selbst Facebook oder Twitter user?
Jörn: Ja, beides, sonst wäre es ja kaum aus unserer Erfahrungswelt :)

Und zum Schluss mal ehrlich: Wieviele Fotos habt ihr bei Facebook hochgeladen?
Jörn: 14.

Jonathan: 35. Und danke fürs Interview!

Wir danken euch!

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