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Interview | FROH! Magazin

Viele Magazine kämpfen ja heutzutage um Alleinstellungsmerkmale, die es dem Leser aka dem potenziellen Käufer ermöglichen, letztere von ihren unehelichen Geschwistern rechts und links im Zeitschriftenregal zu unterscheiden. Was dann häufig passiert, ist eher unschön: Der Individualismus vieler Hefte wirkt wahlweise entweder übertrieben, aufgesetzt oder fehlplatziert. Grund dafür ist meist, dass die intendierte Einzigartigkeit nur um der Einzigartigkeit willen gewollt wurde. Das macht viele Magazine dann aber zu boden- sowie inhaltslosen Konstrukten, die zwar irgendwie anders aussehen, aber im Endeffekt so anders gar nicht sind.

Deshalb ist es umso besser, dass das nicht immer so sein muss. Ausnahme zur Regel ist in diesem Fall das Kölner Non-Profit-Magazin „FROH!“. Das erst seit 2008 bestehende Themenheft versucht sich gar nicht erst an provokantem Individualismus, sondern orientiert sich lieber an fundamentaleren Grundwerten. Gedruckt auf dickem Öko-Papier, verzichtet es im A4-Format vollständig auf Werbung und legt so vor allem Wert auf Inhalte. Das Gesamtkonstrukt wirkt deshalb vor allem sehr authentisch. FROH! kommt also in erster Linie sehr leise daher, was man als Leser aber als angenehm raumerweiternd empfindet. Dabei ist die ins Heft eingebettete Ehrlichkeit ein Charakteristikum, das natürlich auch irgendwo von Herausgebern und Mitarbeitern intendiert ist. Allerdings steht das eben nicht plakativ auf der Frontpage.

Wenn man der Legende Glauben schenkt, entstand die Idee zum Magazin bei sommerlichen Temperaturen, Flip Flops und - interessanterweise - Weihnachtskeksen. Unkonventionalität war also offensichtlich schon immer Leitfaden, auch in der ersten, wohl eher inoffiziellen Redaktionssitzung in kurzen Hosen. Was hier anfangs für eine weniger zukunftsfähige Non-Profit-Idee befunden wurde und eigentlich nur ein einmaliges Experiment werden sollte, wurde auf einmal zu einem festen Bestandteil des Arbeitslebens aller Beteiligten. Schön daran ist erstens, dass es nun schon seit einigen Monaten kontinuierlich Nachfolger zum Erstling gibt. Zweitens ist daran schön, dass jedes Magazin, genau wie die erste Redaktionskonferenz, ein Experiment geblieben ist. Meist nämlich enden die Themenhefte an einem Punkt, den niemand von den Redakteuren tatsächlich vorhersehen konnte. Jede Ausgabe ist deshalb Reise mit unbekanntem Ziel. Mehr denn je gilt das für das aktuelle Magazin. Das nämlich beschäftigt sich ausschließlich mit dem Unterwegssein, Ankommen oder eben Nicht-Ankommen. Schön daran wiederum ist: Das Thema Reisen passt hervorragend in die unmittelbar bevorstehende Sommerzeit, so also auch das Heft. Das fanden nicht nur wir, sondern auch Chefredakteur Sebastian Pranz.

Ihr habt euer Magazin „FROH!“ getauft. Tatsächlich empfinden viele eurer Leser die Inhalte und Gestaltung des Magazins als sehr positiv und optimistisch. Hat euch das überrascht?
Ich bin nach wie vor erstaunt, dass wir so viele Rückmeldungen bekommen. Ich glaube, dass FROH! einen anderen Sound hat, als man ihn im Moment zu hören bekommt – wir brechen die zynische Distanz der 90er und 00er Jahre und gehen sehr nah an unsere Geschichten ran. Das Wort FROH! scheint das sehr gut zu transportieren.

Wie seid ihr auf die waghalsige Idee gekommen, in diesen Zeiten noch ein Printmagazin zu machen? Hattet ihr nicht das Gefühl, euch damit auf ein eher schwieriges Experiment einzulassen?
Das war uns schon bewusst. Wir haben eine Urausgabe von FROH! im Dezember 2008 gemacht (FROH! #0: Weihnachten). Das hat bei uns irgendwie den Schalter umgelegt – danach wollten wir das gerne weiter machen. Im Moment weht uns wieder ein sehr strammer Wind entgegen, wir suchen nach Wegen, unsere nächsten Hefte zu finanzieren – und da wir sehr idealistisch sind und einen hohen Freiheitsbegriff haben – geht das nur über Spender, die uns den Rücken freihalten. Wir machen trotzdem weiter, im Zweifelsfall stelle ich mich für die nächste Ausgabe an den Kopierer.

Ihr belegt als Magazin eine medial sehr unabhängige Stimme. Habt ihr jemals darüber nachgedacht, offensiver Position zu beziehen, vielleicht provokantere Inhalte aufzunehmen?
Ja, aber ich glaube uns liegen eher die leisen Zwischentöne. Wir spielen lieber mit Bedeutungen und versuchen neue Kontexte zu erzeugen, in denen man über die Themen unserer Hefte nachdenken kann. Über die Dinge, die uns wichtig sind – z.B. öko-soziale Nachhaltigkeit oder christliche Werte – wird schon so häufig viel zu laut gesprochen. Ich finde, man muss den Lesern hier einen eigenen Beurteilungsspielraum schaffen.

Ihr konzentriert euch sehr stark auf Themenhefte. Wie schwierig ist es denn, bei so vielen unterschiedlichen Autoren und Beiträgen inhaltliche Stringenz und entsprechenden Bezug zu dem jeweiligen übergeordneten Thema zu wahren?
Das ist eine Frage der Dramaturgie: Man braucht ein gutes thematisches Skelett – also Beiträge, die das Rahmenthema illustrieren und von verschiedenen Seiten beleuchten. Wenn man das dem Leser gibt, kann man anfangen die Ränder auszufransen und völlig krudes Zeug zu bringen. Ich persönlich mag die Ideen, die ganz am Schluss entstehen – und von denen man dann so besessen ist, dass man noch eine Nacht dranhängt um das zu realisieren. Davon gibt‘s in jedem Heft ein paar. Legendär ist z.B. unser Cover zu Still, für das Michael eine Woche vor Druckabgabe um den halben Globus telefoniert hat, um hoch auflösende Bilder von Windstille zu bekommen.

Wieviele Stunden Arbeit fallen für so ein Magazin an? Und welcher Part beansprucht am meisten Aufopferung?
Ich glaube, das kann keiner von uns vier Reaktionsmitgliedern richtig beziffern. Vor allem wenn man das Marketing, die PR und die Produktion dazuzählt, die wir ja auch selbst machen. Wichtig ist nur: es hat sich bisher immer für uns gelohnt. Wenn der LKW mit der neuen Ausgabe von der Druckerei kommt, ist alle Liebesmüh vergessen.

Auf dem Titel der aktuellen Ausgabe fährt ein einsamer VW-Bus auf einer noch einsameren Landstraße gen Sonnenuntergang. Wenn man sich das Bild so anschaut, hält man es kaum für möglich, dass sich darin keine Hippies befinden. Noch dazu trägt das gute Stück den Titel „unterwegs“ – Der gleichnamige Roman von Jack Kerouac, der zu einem der wichtigsten Werke der Beat Generation wurde. Wie stark ist diese Ausgabe von den 60er Jahren inspiriert?
Uns hat auf jeden Fall diese naive Aufbruchsidee der Hippies fasziniert: einfach weg. Heute würde man sofort überlegen, wie man das im Lebenslauf zum Auslandsjahr hochjazzen könnte. Aber gleichzeitig ist ja gerade unser Cover auch ein sehr differenziertes Reisebild – gerade die Rückseite, mit dem Wegweiser ,Highway to Iran‘ irritiert die Fernweh-Stimmung. Und zeigt gleichzeitig, dass wir uns immer auch ein Bild von einem Ort machen – und dass sich dieses Bild über die Jahre drastisch ändern kann.

Ihr habt sämtliche Gesprächspartner des Magazins unterwegs interviewt: Roger Willemsen traft ihr im Zug, mit Katrin Bauerfeind habt ihr euch sogar in eine Achterbahn gewagt. Das klingt, als sei die Atmosphäre entspannter gewesen als in den üblichen Interviewsituationen, in denen man den Befragten ja häufig eher konfrontativ gegenüber sitzt. Könnt ihr das bestätigen? Wie muss man sich so ein Interview zwischen den Orten vorstellen?
Eine Grundidee des Heftes ist es, dass die Art unserer Fortbewegung unsere Wahrnehmung bestimmt. Das wollten wir im Bezug auf die Interviews gerne ausprobieren. Wir haben dann schon bei der Recherche in diesen Paarungen gedacht: Wer beherrscht die Kunst des ziellosen Herumfahrens? Wer lebt sein Leben in hoher Geschwindigkeit? Und was würde passieren, wenn sich das Interview diesem Tempo anpasst? Abgesehen davon, finde ich es als Interviewer reizvoll, dem Ort eine gleichberechtigte Rolle im Gespräch einzuräumen – eine Situation zu suchen, die das Interview beeinflusst oder vielleicht sogar stört. Bei den Gesprächen ist das sehr gut aufgegangen, es sind wirklich schöne Zufälle entstanden: Dass wir mit Roger Willemsen über das Ende der Welt sprechen, während der IC durch seinen Geburtsort fährt, ist mir bspw. erst kurz vor Fahrtantritt aufgefallen. Oder die schönen Doppeldeutigkeiten, die beim Reisen durch das das Phantasialand entstehen, damit kann man dann im Gespräch spielen.

Die Texte im aktuellen Magazin handeln gleichermaßen von Aufbrechen und Ankommen. Wann wäre denn der ideale Zeitpunkt, um es zu lesen?
Wer dem Thema gerecht werden will, nimmt das Heft am Besten mit auf die Reise. Wir haben sogar eine Serviceseite mit Rätseln für die Rückbank. Ich würde mich übrigens sehr freuen, wenn ein weitgereistes Exemplar mal seinen Weg zurück in die Redaktion finden würde …

Wie habt ihr über die Reihenfolge der Texte entschieden? Hattet ihr die Intention, dem Leser einen inhaltlichen Leitfaden zu geben?
Wir haben dieses Mal auf die üblichen editorialen Rahmenhinweise verzichtet. Denn die besten Reisen sind ja die, bei denen man ungeplant aufbricht. Was die Texte angeht, haben wir an den Anfang Beiträge gestellt, die los wollen. Am Ende eher solche, die ankommen. Und zwischendrin der Transit …

Habt ihr bewusst auf ein Editorial verzichtet?
Ja. Wir hatten schon relativ früh die Idee, eine Rahmengeschichte zu machen. Als ich über Nicolas Bouvier und ,Die Erfahrung der Welt‘ gestolpert bin, war mir klar, dass ich dieses Mal den Mund halten werde und es kein Editorial geben wird.

Habt ihr ein persönliches Lieblingsstück im aktuellen Magazin?
Ich persönlich mag die Katzenbilder – dieser Katzenblick, diese Katzenwelt voller Katzensorgen und Katzenwünschen. Außerdem ist es große Streetphotography – ist Dir schon aufgefallen, dass das Schattenbild auf Seite 66 eine großartige Hommage an Friedlander ist?

Seid ihr selbst viel unterwegs? Und falls ja – Seid ihr vor Aufbruch lieber komplett planlos oder habt ihr gern schon frühzeitig ein spezifisches Ziel vor Augen?
Also, nur soviel: Ich will mit meiner Familie am kommenden Samstag zwei Wochen weg. Und hab noch keinen Schimmer wohin. Ist aber vielleicht auch ein Überlastungsphänomen, irgendwie kommen diese Dinge immer ein wenig zu kurz in letzter Zeit …

Wieviel wäre euch so ein VW Bus wert?
Philipps Bus habe ich ja in der Garage gesehen – super Teil, metallicgrün. Würde ich sofort kaufen. Aber dann hab ich keine Kohle mehr für den Urlaub…

☞ Wir verlosen die aktuelle Ausgabe des FROH! Magazins. Um an der Verlosung teilzunehmen müsst ihr nur einen Kommentar hinterlassen, in dem ihr uns verratet, wo eure nächste Reise hingeht und warum ihr gerade dorthin verreisen wollt. Die Auslosung und Bekanntgabe der Gewinner findet am kommenden Montag auf der iGNANT Facebook Fanpage statt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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