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Interview | Nikolaus Gansterer

Nikolaus Gansterer beschallt Pflanzen mit Musik, baut ein Alphabet aus stilisierten Stadtkarten oder sammelt ein Archiv aus Silhouetten von Alltagsdingen. Verspielt und neugierig konstruiert der Wiener Künstler Versuchsanordnungen, die nicht nur schön sind sondern auch Welt und Wahrnehmung sezieren. Von Flora und Fauna bis zu den Frühformen der Psychotherapie.

Eine der mit-aktuellsten Arbeiten des Parallel- und Vielarbeiters trägt den Namen Traces of Spaces. In der Serie übersetzen verschiedene Apparaturen meist ungesehene Kräfte in Zeichnungen. Dazu hat der Künstler ganz eigene Messwerkzeuge hergestellt. Ein Helium-Ballon etwa mit einem Stift an der Spitze dokumentiert den Weg den die Luft in einem Gebäude nimmt, eine andere Konstruktionen zeichnet durch den Schlag der Wellen auf einem See.

Der Künstler über die Spuren der Orte, Shopping Malls, von denen man auch fliegen kann, und der Vermessung der Welt:

Welche Idee steckt hinter Traces of Spaces?
Bei dem Projekt versuche ich herauszufinden, ob ein Ort sich selbst abbilden kann. Kann man die Hand aus dem Spiel lassen und eine Situation konstruieren in der ein Ort sich selber zeichnet.

Wie ist die Idee entstanden?
Die Arbeit ist in einem größeren Feld zu sehen. Als Thema interessiert mich die Zeichnung sehr lange. Insbesondere eben Mindmaps und Kartographie - innere wie äußere. Die spannende Frage lautet: Wie vermesse ich gewisse Orte und Unorte?

Du hast also schon vorher kartographiert?
In Syrien habe ich ein längeres Projekt verfolgt. In Belgien habe ich mit einer Künstlergruppe eine Schnellstraße in Bild, Wort und Schrift dokumentiert. Ein anderes Projekt mit dem Kartographen Philipp Rekacewiz hieß „Mapping the Terminal“, an dem wir alle Flughäfen der Welt als ein zusammenhängendes Territorium gedacht haben.

Flughäfen?
Ja. Flughäfen sind die Speerspitze der Technologie und entwickeln sich trotzdem immer mehr zu Shopping Malls, von denen man nebenbei auch fliegen kann. In zwei Jahren Recherche sind dabei spannende und reflektierende Arbeiten zusammen mit Studierenden der „Universität für angewandten Kunst “ entstanden, die wir dann auch im Wiener Flughafen ausgestellt haben.

Wie unterscheidet sich Traces of Spaces von diesen kartographischen Projekten?
Ich schaffe nur noch den Rahmen. Zuletzt zeichnet aber Wind, Wasser oder irgendeine eine andere Kraft. Es gab auch die Idee, dass eine Zeichnung wachsen kann. Ich habe im Botanischen Garten in Gent an einen Bambus einen Stift montiert. Das sind diese „Growing Drawings“ bei denen der Bambus am Anfang bis zu zehn Zentimeter pro Tag wächst.

Geht es dir auch um wissenschaftliche Dokumentation?
Mich interessiert durchaus die – sagen wir mal – Vermessung der Welt. Aber auch die Gradwanderung von Dokumentation und Versuchsanordnung zu künstlerischem Artefakt. Alle Gerätschaften zum Messen zeichnen zuletzt. Der große Unterschied zur wissenschaftlichen Zeichnung ist vielleicht der Zwang zur Deutung. Das fällt in meinem Fall raus. Es ist ein ästhetisches Projekt mit persönlichem Erkenntnisgewinn.

Du zeigst die Arbeit dann in großen Schaukästen. Durchnummeriert und genau dokumentiert liegen dort die gezeichneten Ergebnisse und die Gerätschaften nebeneinander.
Es ging mir nicht um große Formate, sondern um den Prozess. Die Versuchsanordnung, das Ergebnis und die Dokumentation sind fast wie eine Fotographie. Wie die Belichtung eines Papieres für einen Bestimmten Zeitraum.

Nur das nicht Licht, sondern Situationen abgebildet werden.
Genau.

All images © Nikolaus Gansterer

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