EN DE

Art & Agenda

Politische Kunst hat drei unschlagbare Vorteile. Erstens: Sie ist meist sehr eindeutig, was ihre eigene Intention betrifft. Das macht die Diskussion über ihre Inhalte wahrscheinlich und politische Kunst als Kunstform erfolgreich in Hinblick auf das, was sie selbst will.

Zweitens: Sie ist ungebunden. Seit der Eroberung von öffentlichem Raum als integrativem Part vieler Installationen ist sie bedeutend weniger unabhängig von medialer Unterstützung als zuvor. Drittens entsteht sie aus künstlerisch gefühlter Notwendigkeit und ist damit ehrlich. Was sie durch diese drei Aspekte gewinnt, sind in erster Linie Unabhängigkeit und Unverfälschtheit. Politische Kunst hat sich seit den 70er Jahren sukzessive Autonomie erkämpft, die sie spätestens seit der Finanzkrise intensiver lebt als je zuvor. Durch die zusätzlich aktive Integration öffentlichen Raumes und die konsequente Ausnutzung der gegenwärtig so sehr möglichen Affizierung öffentlichen Interesses durch das Internet hat sie vor allem eines: Gewonnen. An Reichweite, Möglichkeiten und Authentizität.

Art and Agenda - Political Art and Activism“ ist kein gewöhnlicher Bildband, der die Entwicklung von politischer Kunst chronologisch dokumentiert. Es ist ein Bildband, der das, was er zeigt, als soziokulturelles Phänomen systematisch hinterfragt. Den Autoren ist klar, dass die Relevanz von politischer Kunst aus gutem Grund manchmal in Frage gestellt wurde. Dieses Buch aber kann begründen, warum politische Kunst wichtig ist, dass es noch Raum gibt für sie – auch wenn dieser Raum ständig neudefiniert und umkämpft werden muss. Ist der notwendige Raum allerdings erst einmal geschaffen, wird er bis in den letzten Winkel genutzt, er wird gefüllt mit kontroversen Symbolen und Statements, die reflektieren, aber auch dort reaktivieren, wo Resignation herrscht. Die Grenzen dieses Raumes sind nicht immer eindeutig zu definieren. Durch das starke Öffentlichkeitsstreben politischer Kunst sind sie irgendwann verschwommen, ohne dass es jemand so recht bemerkt hat. Politische Kunst hat die intentionale Ausrichtung auf ein rein elitäres Klientel unlängst hinter sich gelassen. Die Straße ist zu einem Museum für Massen geworden, es ist egal, wer die Kunst sieht, hauptsache, jemand sieht sie, hauptsache, es wird diskutiert und debattiert, hauptsache, der Mensch merkt, dass etwas nicht stimmt.

Im zweiten Kapitel dieses Buches stellt Alain Bieber die gewagte These auf, politische Künstler seien die eigentlich investigativen Journalisten, neben Menschen wie Herrn Assange vielleicht. Während man Herrn Bieber stillschweigend beipflichtet und die Radikalität der aufgestellten These auf einmal so radikal gar nicht mehr ist, fällt der Blick auf das fett unterstrichene Zitat der Künstlerin Tania Bruguera, gedruckt in gefühlter Schriftgröße vierundzwanzig im Blocksatz oben rechts. „Political art has doubts, no certainties; it has intentions, not programs; it is defined while it is done; it is an experience, not an image, it is something that is more complex than a unit of thought.“ Nach der Bejahung von Alain Biebers These gibt man auch ihr Recht. Die Berechtigung des fetten schwarzen Striches unter dem Zitat könnte größer kaum sein.

Politische Künstler sind Enthüller derjenigen Nischen, die sonst niemand betritt, ausgenommen ein Julian Assange vielleicht. Sie sind Beobachter mitten unter uns. Das macht dieses Buch deutlich. Der Zweifel, dass ein Herr Assange in diese Nischen vorgedrungen ist, wächst mit jedem zusätzlich aufgeschlagenen Kapitel. Ihm sind andere Nischen vorbehalten. Die Nischen politischer Kunst sind Bestandteil eines Raumes, den sie eigens für sich definiert hat, im kontinuierlichen Kampf um die eigene Existenzberechtigung.

Dieses Buch ist ein Statement, mit einem Ausrufezeichen auf jeder einzelnen Seite.

„Art and Agenda - Political Art and Activism“, erschienen beim gestalten Verlag, 287 Seiten, u. a. mit Texten von Pedro Alonzo, Alain Bieber, Silke Krohn und Gregor Jansen. Mit Kunst von: Ai Weiwei, Elmgreen & Dragset, Hank Willis Thomas, Jennifer Karady, Jota Castro, JR, Swoon, Voina Group, The Yes Men uvm.

☞ Ihr könnt eine Ausgabe des Buches gewinnen. Um an der Verlosung teilzunehmen müsst ihr nur einen Kommentar hinterlassen. Der Gewinner wird am kommenden Donnerstag per Zufall ausgewählt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Comments